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Forschung

1. Profil des Graduiertenkollegs

Der Gegenstand des GRK ist einerseits faktuales Erzählen und ande­rerseits Erzählen, das zwischen Fiktionalität und Faktualität changiert. Damit hebt sich das Thema des Kollegs von der Masse narratologischer und auch philologischer Forschung ab, die primär fiktionale Texte, also Romane, Dramen und Versnarrative behandelt. In der Analyse historiographischer Texte soll auch von konventionellen Untersuchungen der Narrativität des Geschichts-Diskurses Abstand genommen werden; statt dessen sollen Mischformen und Experimente fokussiert werden und die Funktionalität der Fiktion (des Fiktiven) innerhalb der Faktualität der Historie im Vordergrund stehen. Vorrangige Bedeutung werden auch die Medialität von Erzählung – auch in bildlicher, audiovisueller oder elektronischer Ausprägung – und ihre Refle­xion von Fiktionalität bzw. Faktualität haben. Eine innovative Besonderheit stellt die Betonung einer geschichtlichen Perspektive auf Erzählung, z.B. in der Analyse der Entwicklung faktualer Textsorten, dar, da die Narratologie traditionell eher synchrone Analysen betreibt. Schließlich sollen über den Bereich der Geisteswissenschaften hinaus narrative Texte aus den Rechts-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften erschlossen werden und der Umgang mit Erzählung in diesen Disziplinen als Modell bzw. Vorbild für mögliche Modifizierungen traditioneller Erzählforschung geisteswissenschaftlicher Provenienz dienen.

Mit dem Vergleich von faktualem und fiktionalem Erzählen widmet sich das GRK einem innovativen und anschlussfähigen Forschungsbereich, der an der Univer­sität Freiburg personell gut verankert ist. Besonders Forschungen zum Reisebericht, zur Autobiographie, zu mündlichem Erzählen und zum histo­riographischen Diskurs sind neben literaturwissenschaftlichen Erzähltextanalysen und Analysen von (audio-)visuellen Medien einschlä­gig vertreten. Zudem wurde die ohnehin prominent ausgewiesene Kompetenz in narrativischen Fragen durch die neuen personellen Konstellationen in Folge der Neubesetzungen in der Romanistik, Alten Geschichte und in der Klassischen Philologie in Freiburg deutlich gestärkt. Das GRK ist daher sowohl thematisch wie in seiner theoretischen Ausrichtung breit fundiert wie auch interdisziplinär bestens verankert. Zusätzlich bleibt der Blick auf langfristig wirksame Phänomene von der Antike bis zur Moderne wichtig, wie er in mehreren Freiburger interdisziplinären Forschungsprojekten praktiziert wurde und wird (SFB 321 „Mündlichkeit und Schriftlichkeit“, SFB 541 „Identitäten und Alteritäten“, PK „Geschichte und Erzählen“, GRK 1288 „Freunde, Gönner, Getreue“). Auch in Hinblick auf die Einbindung einer medialen Perspektive kann auf einer fächerübergreifenden Tradition der philologischen und philosophischen Fakultäten in Frei­burg aufgebaut werden.

Das Alleinstellungsmerkmal des GRKs betrifft vorrangig die Betonung von faktualem Erzählen und die Interferenzen von Faktualität und Fiktionalität, liegt aber auch in der funktionalen, medienspezifischen und diachron-vergleichenden Herangehensweise an die Fragestellung. Das Kolleg hebt sich sowohl im Thema wie in seiner Methodik von der traditionellen narratologischen Forschung ab und öffnet sich der Analyse von Hybridisierungsphänomenen, rezeptionspragmatischen Fragestellungen sowie der Entwicklungs- und Transferthematik.


Die Zusammenstellung der Antragsteller beruht auf der Kombination der größtmögli­chen Kompetenz in narrativen Fragen einerseits und einem möglichst weiten Spektrum an Anwendungen andererseits. In diesem Sinne repräsentiert Fludernik die Narratologie inhaltlich und me­thodisch; sie hat sich vor allem mit dem mündlichen Erzählen sowie mit Historiographie, Briefen und Heiligenlegenden befasst und ist an diachronen Fragestellungen interessiert. Gelz ergänzt diese narratologische Ausrichtung mit der Berücksichtigung der Autobiographie so­wie kollektiver Erzähl­formen wie der des Skandals und bringt die Romanistik mit ein, wäh­rend Gander philosophische Aspekte des Erzählens und Tagebücheranalysen in die Kom­petenzen einspeist. Leonhard hat sich mit Fragen der narrativen Strukturen und Zeitebenen aus historischer Perspektive beschäftigt. Pfänder gilt als ein internationaler Fachmann für die linguistische Untersuchung mündlichen Erzählens (Konversationsanalyse) und befasst sich extensiv mit oral history. Lucius-Hoene ist eine Vertreterin der psychologischen Erzählforschung und ergänzt die Analyse mündlichen Erzählens mit medizinisch-psychologi­scher Expertise. Korte besitzt über ihre narratologischen Qualifika­tionen und Arbeiten zum Reisebericht hinaus große Kompetenz im Bereich Medien, wodurch zusätzlich zur Oralität auch Audiovisualität (Film, Fernsehen, Ausstellungen) ins Kolleg eingebunden werden kann. Aurnhammer als Vertreter der Germanistik ergänzt dieses Spektrum durch die Einbindung von Lyrik, welche einen interessanten Status von Ambivalenz zwischen Faktualität und Fiktionalität einnimmt, hat jedoch ebenso über Reisetagebücher geforscht. Von den Hoff erweitert die mediale Ausrichtung auf bildliche Dokumente, Artefakte und archäologische Funde. Zimmermann schließlich leistet durch den Vergleich mit der Antike und mit der Einbindung der Gattung Drama einen wichtigen historisch-vergleichenden Beitrag zum Profil des Kollegs. Zusammen mit von den Hoff repräsentiert er zudem den Blick auf Phänomene der Antike, wodurch beide einen wichtigen geschichtlich-komparatistischen Beitrag zum Profil des Kollegs liefern.

2. Forschungsprogramm

Definitionen, Terminologie und Dynamisierung der Debatte

Das GRK „Faktuales und fiktionales Erzählen. Differenzen, Interferenzen und Kon­gruenzen in narratologischer Perspektive“ befasst sich mit faktualen Erzählungen (Erzähltexten aber auch anderen Medienprodukten) und mit fiktionalen Texten/Medien, die entweder teilweise Anspruch auf Faktualität erheben oder Faktuales mit Fiktionalem mischen, kombinieren bzw. kreuzen. Dabei ist zu­nächst die Unterscheidung von Faktualität und Fiktionalität terminologisch zu problematisieren, wobei historische und kulturelle Aspekte eine wesentliche Rolle spielen. (Z.B. das Lesen von Fundamentalisten Bibeltexte als faktuale historische Berichte, während diese andernorts, auch unter gläubigen Christen, eher allegorisch oder typologisch gelesen wurden und werden.) Bevor Fiktionalität und Faktualität näher definiert werden, zunächst noch einige Anmerkungen zum Begriff der Erzählung.

Dem GRK liegt bzgl. der Definition von Erzählung oder Narrativität die gängige Annahme zugrunde, dass Texte und Bilder, die Berichtsequenzen enthalten und Abläufe oder Erei­gnisse schildern, als narrativ einzustufen sind, wobei die dargelegten Abläufe zu einem be­stimmten Zeitpunkt an bestimmten Orten erfolgen müssen und zeitliche Aufeinanderfolgen abbil­den. Die Handlungsträger sind entweder Personen, Personengruppen oder Institutionen, die metonymisch für Personengruppen stehen (Staat, Firma). Diese sehr traditionelle Definition von Narrativität reflektiert das volkssprachliche Vorverständnis des Begriffs Erzählung. Sie kann für die untersuchten Texte als minimaler Konsens fungieren, der auch interdisziplinär tragfähig ist. Darüber hinaus gilt jedoch über dieses Grundverständnis von Narrativität hinaus, welches Erzählung als Bericht von Ereignisketten fasst, dass im mündlichen Erzählen und in der literarischen Erzählung die Bedeutung von Handlung gegenüber der Vermittlung von Erfahrungshaftigkeit (experientiality – Fludernik 1996; vgl. Boothe 2010a: 2-5; 2010b) in den Hintergrund tritt und der Erzählung die Qualität einer ästhetischen Illusion (Wolf 1993) verleiht. Die im Kolleg gewählte Definition von Erzählung entspricht also eigentlich der des Berichts („Beobachtungsprotokoll“ in Boothe 2010a: 4), d.h. der Darlegung von Ereignissequenzen. Viele darüber hinausgehende Aspekte von Erzählung, die in der ‚Maximalausstattung’ Literatur existieren, sind in faktualen Berichten nicht gängig oder gelten als fiktionalisierende Tendenzen (z.B. der Gebrauch von performativ eingesetzter direkter Rede, der Blick in die Gedanken von Handlungsträgern). So ist die Definition von Erzählung, die Ryan (2006) gibt, für faktuale Erzählungen zu extensiv:

 

Narrative must be about a world populated by individuated existents. This world must be situated in time and space and undergo significant transformations. The transformations must be caused by nonhabitual physical events. Some of the participants in the events must be intelligent agents who have a mental life and react emotionally to the states of the world. Some of the events must be purposeful actions by these agents, motivated by identifiable goals and plans. The sequence of events must form a unified causal chain and lead to closure. The occurrence of at least some of the events must be asserted as fact for the story world. The story must communicate something meaningful to the recipient. (Ryan 2006: 8; Hervorhebungen hinzugefügt)

 

Diese Definition stößt bereits bei historiographischen Texten auf Probleme, wie Ricoeurs Hinzuziehen der Begriffe quasi-event oder quasi-persona für historische Aktanten und Ereignisse dokumentiert (Ricoeur 1983-85: 180-86). Ryans Betonung der emotionalen und bewusst-seinsbezogenen Komponenten von Erzählung gilt wiederum nicht für Gesetzestexte, Polizeiberichte, Sitzungsprotokolle, Kochrezepte u.a.m.. Daher soll hier zunächst davon ausgegangen werden, dass Narrativität als kleinster gemeinsamer Nenner mit einem (Ereignis)Bericht zu identifizieren ist. Jedoch mag diese Grundannahme später zu revidieren sein und erweist sich für das mündliche Erzählen (vgl. Boothe 2010a, b) bereits als problematisch. Es wird daher letztlich von einem Kontinuum auszugehen sein, an dessen einem Ende karger Bericht steht, und an dessen anderem Ende eine voll ausgestaltete Erzählung liegt. (Als Einstieg in das Thema Narrativität vgl. Pier/García Landa 2008.)

Ähnliche Schwierigkeiten für die Definition von Erzählung im Spannungsfeld von Fiktionalität und Faktualität ergeben sich auch für die Bereiche Bewusstsein und Erzählfigur. Die faktuale Erzählung demonstriert ihre Faktualität u.a. dadurch, dass sie in der Regel einen Zugriff auf das Be­wusstsein von anderen vermeidet oder solches nur als spekulatives Element zulässt. Dies gilt jedoch nicht völlig für das mündliche Erzählen, das eine Vielzahl von fiktionalen Elementen enthält, wie u.a. auch erfundene Dialoge (Chafe 1977a, b, 1980, 1994; Tannen 1982, 1984, 1987, 1989). Die faktuale Erzählung hat zudem einen realweltlichen Erzähler, nämlich den Autor, bzw. suggeriert die Existenz eines solchen. In der Praxis existieren jedoch zahlreiche Hybridisierungen wie die der Autofiktion (vgl. S. 13-14 unten) und der fingierten Mündlichkeit (Goetsch 1985). Wie weiter unten ausgeführt kann weder der Begriff Fiktionalität noch der von Faktualität essentialistisch erfasst werden; das Reden von der faktualen Erzählung ist bereits eine Fiktion, da diese nicht ein Modell fortschreibt, sondern in verschiedensten Ausformungen und Manifestationen auftritt, somit je nach Kontext ganz andere Eigenschaften aufweisen mag und sich auch nicht auf eine einheitliche Definition reduzieren lässt. Die hier präsentierte Ausgangsdefinition von Narra-tivität ist daher als heuristisch zu begreifen und wird im Laufe der Forschungen zu modifizieren sein. Bei der Einbeziehung von visuellen Medien kann man zudem auch den Fall des impliziten Erzählens anführen – das Bild, z.B. ein Cartoon, setzt eine Geschichte voraus, die es illustriert oder an einem markanten Punkt visualisiert (vgl. Fludernik 2010a). Darüber hinaus muss die Verwendung der Begriffe Erzählung und Narrativ für verschiedenste Kontexte, die – narratologisch gesehen – keine Erzählungen sind, diskutiert werden. Dies betrifft sowohl anthropologische ‚Narrative’ (vgl. Bruner 2004; Sterns „protonarrative Sequenz“ – Welzer 2002: 77-9) wie auch häufig anzufindende Aussagen, die Abstrakta als ‚Erzähler’ grammatikalisieren. (Vgl. etwa Formulierungen wie „das Narrativ des Kolonialismus“ oder „geologische Schichten erzählen uns“ – Engler 2010). Es stellt sich daher auch die Frage nach den Vor- und Nachteilen einer Übertragung der Erzähltheorie in andere Disziplinen und nach den Grenzen des narratologischen Modells. Alle diese Beispielfälle sind bei der Auswei­tung des Narrationsbegriffs auf faktuales Erzählen zu berücksichtigen. Gleichzeitig liefern Erzählanalysen in den Literaturwissenschaften jenseits narratologischer Modelle sowie außerhalb der Geisteswissenschaften wichtige Einsichten dazu, wie bisher vernachlässigte Phänomene in die Untersuchung zu integrieren und zu theoretisieren wären.

Wenn im Folgenden von Narratologie gesprochen wird, soll hier ein relativ weit gefasstes Verständnis von Erzählforschung gemeint sein, das keine bestimmte Schule (wie Stanzel, Genette, Chatman, Herman, Schmid) privilegiert und die Offenheit und Erkenntnisse der sog. postklassischen Narratologie(n) (Herman 1999, Nünning 2000, 2003b, Alber/Fludernik 2010) zum Ausgangspunkt für weitere Öffnungen und Remodellierungen nimmt.

Der Begriff der Fiktionalität ist ein schillernder und häufig widersprüchlich ge­brauchter Terminus, der auch als Adjektiv (fiktiv und fiktional) Abgrenzungsprobleme berei­tet (Henrich/Iser 1983, Maurer 1982, Petersen 1996, Sainsbury 2010). Zipfel (2001) definiert einerseits Fiktivität als „Fiktion in Zusammenhang mit Geschichte“, d.h. die geschilderten Ereignisse entsprechen nicht den Tatsachen, sind erfunden, und andererseits Fiktionalität als „Fiktion im Zusammenhang mit dem Erzählen“, d.h. in Relation zur Erzählerfigur und zum Erzählakt (vgl. auch Petersen 1996). Beide Aspekte bedingen sich wechselseitig in der (fiktionalen) Erzählliteratur. In Anlehnung an Chatmans Rahmentheorie unterscheidet Wolf (1993: 38-9) hilfreich zwischen fictio (dem Produkt des Fingierens) und fictum (dem Erfundenen als Fehlen einer Einzelreferenz). Ferner mit einzu-beziehen wären die Konzepte Nicht-Faktizität (Referenzlosigkeit in der wirklichen Welt) und Fingiertheit (imaginäre Projektion und Kreation einer möglichen Welt durch den Autor/Künstler). Gerade in der Betrachtung experimenteller Texte, auch experi­menteller Historiographie, ist zwischen diesen beiden Arten der Fiktionalität zu unterschei­den. Fiktionalität lässt sich ferner durch Distanz (vgl. Wolf 1993: 32-4, Iser 1993) und Spiel mit vorhandenen materiellen sowie kognitiven Objekten im Sinne einer Weltschaffung charakterisieren (vgl. Nelson Goodmans Ways of Worldmaking 1978). Das Kolleg bezieht Isers Unterscheidung zwischen dem Fiktiven und dem Imaginären (Iser 1993) mit ein, adoptiert jedoch nicht seine Terminologie, da unser Schwerpunkt auf Faktualität liegt. Während literaturtheoretisch das Fiktionalitätsproblem weitere interessante Fragen nach Mimesis und Realismus z.B. im historischen Roman (vgl. Lampart 2002) aufwirft, wird für die Untersuchung faktualer Erzählungen und der Überschneidungen und Interferenzen zwischen Fiktionalität und Faktualität besonders die Frage nach der Abgrenzung von Fiktio­nalität und Faktualität gestellt (Mikhailescu/Hamarneh 1996, Cohn 1999, Zipfel 2001). Bareis (2008) hingegen versucht dem Aspekt der Referentialität ganz zu entkommen, indem er Kendall L. Waltons Imaginationstheorie (Mimesis as Make-Believe 1990; vgl. auch Currie 1989, Lamarque/Olsen 1994) auf die literarische Fiktionslogik anwendet.

Im GRK wird zunächst der pragmatische Ansatz verfolgt, dass die Unter­scheidung Faktualität versus Fiktionalität größtenteils kontextuell verankert ist und nur selten an rein formalen Kennzeichen bestimmbar wird. Gleichzeitig konturieren fiktionale und faktuale Strategien in voneinander sich abhebender Inszenierung häufig ihre gegenseitige Alterität, und in diesem Zusammenspiel ist die Unterscheidung funktionalisiert. So existiert eine extensive Literatur zu Fiktionssignalen, die von der Darstellung mentaler Zustände anderer Personen über die Technik des unzuverlässigen Erzählers bis hin zur Metafiktion reichen (vgl. Löschnigg 1999, Cohn 1999, Fludernik 2001, Bareis 2008: 214-16; Blume 2004: 16-22 spricht hier von Autonomismus). Hempfer (1990) unterscheidet hilfreich zwischen Fiktionsmerkmalen und Fiktionssignalen. Neben der Inszenierung von Faktualität oder Fiktionalität lassen sich des Weiteren vielfach Überschneidungen, Verschränkungen und Hybridisierungen beobachten. Das Kolleg wird u.a. diskutieren, ob bei manchen Erzähltexten, die faktuale und fiktionale Elemente vermischen, eine Unterscheidung von Faktualität und Fiktionalität überhaupt noch sinnvoll ist. Über die Beschreibung faktualen Erzählens hinaus diskutiert das GRK also die Grenzziehung, spielerische Montage und den strategischen Einsatz von faktualen und fiktionalen Erzählungen in einem weiten Anwendungsfeld. Gerade solche Interferenzformen und der spielerische oder dekonstruktive Umgang mit der Grenze zwischen Faktualität und Fiktion sind ästhetisch reizvolle Phänomene, welche die Literaturwissenschaft und alle darstellenden Medien bzw. Textsorten vor neue Herausforderungen stellen. Nach Blume (2004: 23) handelt es sich bei der hier vertretenen Fik­tio­na­li­täts­auffassung also um die des Kompositionalismus (vgl. Diagramm 2).

Aus der Anlage des Kollegs wird auch deutlich, dass wir die postmoderne Panfiktionalismus-These (Ryan 1997) ablehnen also prinzipiell eine Unterscheidung von Fiktion und Nicht-Fiktion unseren Überlegungen zugrunde legen. Eine der dringlichsten Aufgaben des GRK wird es daher sein, den Begriff Faktualität näher zu definieren. In diesem Kolleg wird unter Faktualität nicht etwa ‚Wahrheit’ verstanden, sondern aus rezeptionspragmatischer Perspektive die text- bzw. gattungsspezifische Absicht, eine Kommunikation innerhalb eines realen Kontextes zu tätigen, in dem der Sprecher oder Autor mit Hilfe seiner Erzählung bestimmte Ziele verfolgt, wie auch der Adressat oder Leser bzw. Zuhörer gewisse Ansprüche an die Erzäh­lung und den Erzähler stellen. Auch wenn der Erzähldiskurs nicht unbedingt wahr ist, setzt er sich einer Überprüfung oder Falsifizierung im Vergleich mit anderen bekannten Tatsachen aus und wird vom Adressaten als ein Text gewertet, der sich auf seine Wirklichkeit oder Welt bezieht, in der auch er selbst lokalisiert ist. Im Falle von Diskursen über die weiter zurückliegende Vergangenheit wird eine Kontinuität zwischen der Jetzt-Welt des Lesers/Zuhörers/Publikums und der geschilderten Vergangenheit angenommen. Faktualität ist also diskurstheoretisch und konstruktivistisch konzi­piert. Es geht um Texte und Medien, die Gattungen angehören, welche als Aussagen über real­welt­liche Um­stände produziert und rezipiert werden. Dabei wird oder wurde für fiktionale Texte z.T. angenommen, dass diese nicht-kommunikationsgebunden seien bzw. (in der Sprechakttheorie) keine Aussagen über Wirklichkeit träfen (vgl. den Forschungsüberblick bei Zipfel 2001: 38-49). Jedoch kann die Referentialität von Personen und Orten in literarischen Texten und anderen Fiktionen durchaus problematisiert werden, zumal fiktionale Erzählungen dezidiert auf die Wirklichkeit, also auf die realen Lebensumstände des Lesers bzw. auf historische Aktualität Bezug nehmen können. In Anlehnung an Nelson Goodman sieht Zipfel (2001: 71-6) daher etwa in der „Alltagswirklichkeit“ den Bezugspunkt zur Fiktionalisierung der Wirklichkeit in den imaginierten, erfundenen Welten der Fiktion. Im Kolleg werden darüber hinaus viele Phänomene eine große Rolle spielen, die eine Unterscheidung zwischen Faktualität und Fiktionalität verschleiern (vgl. Roscoe/Hight 2001, Kilborn 2003, Döveling et al. 2007).

Angesichts der erwähnten Abhängigkeit von Faktualität von Autor, Adressat und Kommunikationssituation, wird hier eine pragmatische bzw. Sprechakt-bezogene Konzeption von Faktualität vertreten. Diese Orientierung erlaubt es auch, die Möglichkeit der Umdeutung von faktualen Texten, die unter gewissen Umständen als fiktionale rezipiert werden können, zu berücksichtigen, sowie die Existenz der sog. faction oder nonfiction novel, also Geschichtsschreibung im Fiktionsmodus (vgl. Hollowell 1977, Davis 1983, Smart 1985, Sauerberg 1991, Zander 1999, Rubie 2009) mit einzubeziehen. Hingegen, wie Mikkonen (2006) kürzlich überzeugend argumentiert hat, ist eine Lektüre fiktionaler Texte als faktual nur im Falle von Fälschungen, Simulationen und „hoaxes“ dokumentiert, z.B. bei Hildesheimers Marbot oder in der Sokal-Affäre. Kablitz (2003: 258) postuliert hingegen, dass „etwas Reales kein Fiktives sein kann“. Man könnte vorschlagen, dass es nicht nur einen „autobiographischen Pakt“ (Lejeune 1989) oder einen Fiktionspakt (Zipfel 2001: 297-8) bzw. Fiktionsvertrag (Eco 1994: 103) zu geben scheint, sondern auch einen „faktualen Pakt“ (Faktualitätspakt) zwischen Autor und Leser; dies jedenfalls suggerieren die Skandale, welche durch die Enthüllungen des Fiktionalitätsstatus von Wilkomirskis Bruchstücken oder James Freys A Million Little Pieces ausgelöst wurden.  

Das GRK geht von einem Modell aus, in dem Fiktionalität und Faktualität in einem breiten Interface überlappen (siehe Diagramme 1 und 2). Wie die grau markierte Überlappungszone in Diagramm 1 verdeutlicht, ist die Unterscheidung zwischen den beiden Bereichen schwierig: Die Texte sind ambig oder sie enthalten Mischformen, sind sowohl fiktional als auch faktual. Anderer­seits kann das Verhältnis Fiktionalität und Faktualität auch durch Interferenzen gekennzeich­net sein. In der zweiten Visualisierung sieht man, dass auch innerhalb des faktualen Be­reichs immer wieder Elemente von Fiktionalität und innerhalb des Fiktionalen, Elemente von Faktualität zu beobachten sind. Für das GRK sind vorrangig diejenigen Bereiche thema­tisch relevant, die reine Faktualität oder deren Mischformen dokumentieren – eine Ausrich­tung, welche die Forschungslücke zum faktualen Erzählen (s.u. 3.4. Forschungsstand) reflektiert.

Nun ist schon traditionell bekannt, dass Faktualität und Fiktionalität, dort wo sie über­haupt unterscheidbar sind, in einer Gemengelage vorkommen, die von Montage, Interferenz und Hybridisierung geprägt ist. So enthalten Autobiographien und Historien des Mittelalters bis ins 19. Jahrhundert hinein markant fiktionale Elemente (fingierte Reden und Gedanken­abläufe, fiktionalisierende Modellierungen – vgl. etwa Thomas Carlyles Eröffnung seiner Schrift zur Französischen Revolution). Gleichermaßen suggerieren fiktionale Texte sowohl in ihren Schauplätzen (Berlin in Berlin Alexanderplatz; London in Dickens’ Bleak House; Paris in Hugos Les Misérables) als auch in der Darstellung der menschlichen Psyche (vgl. die theory of mind Schule – Zunshine 2006, Newman 2009) durchaus Faktualität (Baumgartner/Rüsen 1982, Blume 2004). Diese kann, wie traditionell üblich, auf die reine Referenz beschränkt werden: In einer Geschichte Frankreichs ist der Name Napoleon refe­rentiell gebraucht, in Tolstois Krieg und Frieden nicht (oder nur teilweise), und die nicht historischen Charaktere des Romans finden keine Entsprechung in der ‚realen Welt‘. Neben Personen und Orten birgt jedoch die Zeitreferentialität größere Schwierigkeiten in sich und das Pro­blem von Anachronismen (auch in historischen Diskursen) kompliziert den Begriff der Referen­tialität. Da auch Historiographie die historische Welt konstruiert (obwohl nicht erfindet[2]), ist eher von einer spekulativen Faktualität zu reden. Der literarische Realismus (in der im angelsächsischen Sprachraum gebräuchlichen Terminologie) beruht bekannterweise auf der Evozierung von ‚Realität’, wobei neben dem Barthes’schen effet de réel (Barthes 1968, 1967/1986) auch der Verweis auf tatsächlich existierende Orte, Personen und Institutionen eine wichtige Rolle spielt. Darüber hinaus vermitteln fiktionale Texte auch häufig ideologische (politische, philosophische, religiöse) Ansichten und Botschaften, die im weiteren Sinne als faktual gelten können, da sie den Leser direkt ansprechen (vgl. Ricoeur 1983: 11).

Es wird vor allem wichtig sein, Faktualität von Konzepten wie Authentizität, Mimesis, Simulation und Realität abzugrenzen. Sowohl fiktionale wie faktuale Texte machen Gebrauch von der Darstellungstechnik der Mimesis, sofern Mimesis als Evokation einer bekannten Welt(haftigkeit) verstanden wird (vgl. Spariosu 1984, Bogue 1991, Scholz 1998, Schönert 2004, Potolsky 2006, Frigg 2010). Literarische Mimesis geht wegen des Fiktionscharakters von Literatur viel weiter, weil die fiktionale Welt erst evoziert werden muss. Faktuales Erzählen kann, muss aber nicht extensive Mimesis involvieren; je mehr Details geschildert werden, desto mimetischer, also illusionsfördernder ist die Erzählung. (Wenn Mimesis hingegen als Repräsentation bzw. Darstellung definiert wird, ist natürlich im klassischen Sinn jede Erzählung von Mimesis geprägt. Vgl. aber Blume 2004: 74-5, der für fiktionale Texte Darstellung als notwendiges Merkmal ansieht.) Realismus ist im Verständnis von Ian Watt (1957) eng mit Mimesis verknüpft; je ausführlicher die Darstellung, je detailgetreuer, desto ‚realistischer’ (mimetischer) wirkt sie. Wie Mimesis ist Realismus ein Realitätseffekt, der durch Techniken der Authentifizierung wirkt. Wie Roland Barthes bereits bemerkte: je unwichtiger das Detail, desto mehr Wirkung entfaltet es als Indiz für die ‚Wahrheit’ der Darstellung. Auch Authentizität ist daher kein Synonym von Faktualität; Authentizität beruht ebenfalls auf einer evozierten Illusion. Allerdings gilt hier, dass die Indizien von Authentizität (wie sie bei literarischen Texten verwendet werden, um täuschende Echtheit zu suggerieren) bei faktualen Texten im Gegenteil keine Simulation von Wahrheit sondern Beweise für die Faktualität des Textes darstellen. Insofern sind Authentizitätssignale in fiktionalen Kontexten Simulationen von Authentizitätsstrategien in realen Kontexten. Hier wird im Kolleg noch viel zu recherchieren sein, da diese generellen Äußerungen je nach Medium, historischer Epoche und soziokulturellem Hintergrund wandelbar sind. Was unter Realität und Wirklichkeit zu verstehen ist, stellt sich aus philosophischer Perspektive als eine komplexe Angelegenheit dar (Putnam 2011, Loptson 2001, Searle 1995). Wir gehen vorläufig von einem Vorverständnis aus, das darunter die beobachtbare Wirklichkeit versteht, die auch historische Quellen und naturwissenschaftliche Konstruktionen auf der Basis beobachtbarer Phänomene umfassen kann (vgl. Munslow 2007: 80-3). Insbesondere ist die Alltagswirklichkeit für den literarischen Realismus i.S. Watts ausschlaggebend (Gabriel 1998).

Neben der Simulation von Authentizitätssignalen spielt der Begriff Simulation vor allem in den neuen digitalen Medien eine wichtige Rolle, und bei visuellen Medien (René Margrittes Ceci n’est pas un pipe; Bilder von Gerhard Richter) muss auch das Baudrillard’sche Konzept des Simulacrums mit einbezogen werden. Simulation als Authentifikationsstrategie für den ‚Hintergrund’ in TV Dokumentationen (z.B. digitale Rekonstruktionen von Gebäuden, digitale Realitätssimulation) kann zwar Verwechslungen mit Faktualität hervorrufen, ist aber keinesfalls mit Faktualität gleichzusetzen.

Während diese und die oben genannten Interferenzen zwischen Faktualität und Fiktionalität wohl bekannt sind, ist jedoch anderen Aspekten der Mischung und gegenseitigen Transpositionen bzw. Interferenzen zwischen Faktualität und Fiktiona­lität zu wenig Bedeutung beigemessen worden, vor allem wenn es um Prozesse und Fiktionali­sierungsstrategien geht. Das GRK „Faktuales und fiktionales Erzählen: Differenzen, Interfe­renzen und Kongruenzen in narratologischer Perspektive“ befasst sich primär mit solchen dynamischen Aspekten, die unter den Titeln Funktionalisierung, Kontextualisierung und Historisierung der Erzähltheorie sowie Inszenierung, Ästhetisierung, Verschleierung, Hybridi­sierung und Medialität des Erzählens zusammengefasst werden können. Das Verhältnis dieser Prozesse zu Kongruenz, Divergenz und Interferenz wird in Diagramm 3 skizziert.

Funktionalisierung. Zu zeigen ist, welche Funktionen fiktionale Elemente in faktualen Texten haben, beziehungsweise umgekehrt faktuale Elemente in fiktiven. So kann im münd­lichen Alltagserzählen der erfundene Dialog zur emotionalen Belebung der Erzählung dienen oder zur Beeinflussung des Zuhörers. Gleichermaßen können faktuale Elemente in Romanen die Funktion einer Authentisierung des erzählten Diskurses, aber ebenso der Evozierung einer Pseu­dorealität übernehmen (vgl. die Bemerkungen zu Simulation oben). Darüber hinaus werden die Funktionen von Erzählungen innerhalb nicht-narrativer Gattungen oder in diversen Diskurskontexten untersucht (vgl. Gehrkes Begriff der intentionalen Geschichte – Gehrke 2003; s.a. 2001a, b).

Kontextualisierung und Historisierung. Sowohl faktuale wie fiktionale Texte und Me­dien müssen kontextualisiert werden, u.a. in ihren historischen Umfeldern. So ändert sich die Funktion fiktionaler Elemente in faktualen Texten je nach Gattung und Epo­che. Arbeiten zur sog. historischen Pragmatik, also zum Beispiel zur Geschichte von Briefen und Tagebüchern, von Predigten und Proklamationen, illustrieren diese Verhältnisse ebenso wie Untersuchungen zu historiographischen Texten (Löschnigg 2006). Aber auch Studien zum Brief im Roman, zu Tagebuchromanen oder Montageromanen der 1970er Jahre illustrieren den Faktor Kontextualisierung. Insgesamt soll auf die historische Entwicklung faktualer narrativer Gattungen besonders geachtet werden. Der Status der Erzählung in historiographischen Texten wandelt sich z.B. grundlegend im 19. Jahrhundert angesichts der Verwissenschaftli­chung der historischen Disziplinen.

Neben diesen drei Aspekten, welche die Art der Fragestellungen innerhalb eines narratologischen Modells thematisieren, sind auch folgende Aspekte wichtig, welche die Dar­stellung selbst in den behandelten Texten und Medien betreffen.

Inszenierung. Fiktionalität und Faktualität sind nicht essentielle Eigen­schaften von Texten; sie werden größtenteils durch narrative und präsentationelle Strategien evoziert. Daher gibt es sowohl (a) die referentielle Fiktion, also die Evozierung von Faktuali­tät,[3] wie auch (b) die Inszenierung von Fiktionalität durch metanarrative und metafiktionale Strategien, sowie eventuell (c) — bei Betonung der Fiktionalität — verschleierte Referentialität.

Verschleierung. Fiktionalität wird in faktualen Texten auf verschiedenste Weise ver­schleiert. Welche Techniken hier zur Anwendung kommen soll untersucht werden. Kann man auch von einer Strategie der Verschleierung von Faktualität in fiktionalen Texten reden? (Der roman à clef wäre eine typische Form der Fiktion, die Referenz verschleiert.) Ist Ver­schleierung die Kehrseite von Inszenierung?

Ästhetisierung. Eine der größten Errungenschaften der Analyse mündlicher Alltagser­zählungen war die Erkenntnis, dass diese ästhetisch strukturiert sind, z.B. Momente der Spannung einbauen, Lebhaftigkeit und Witz dazu verwenden, die Zuhörer aufmerksam zu halten, Emotionen ausleben und den Zuhörer unterhalten. In der Historiographie ist das ästhetische Moment des Textes fast immer als Fiktionalisierung kritisiert worden. Das Kolleg will auch in nicht historiographischen faktualen Texten und besonders im visuellen Me­dium die Funktionen des Ästhetischen, also die Ästhetik des Faktualen, diskutieren. Mit die­sem Begriff ist gemeint, dass auch faktuale Erzählungen in verschiedenen Medien (zum Beispiel Dokumentar­filme) durchaus ästhetische Qualitäten besitzen, die sich einer literaturwissenschaftlichen Beschreibung öffnen. Zu unterscheiden wird sein, inwieweit Fiktionalität divergente oder kongruente ästhetische Qualitäten besitzt, wie in der Analyse fiktionaler Elemente in faktualen Texten. Ist die Funktion ästhetischer Elemente in faktualen Erzählungen eine andere als in fiktionalen Texten?

Hybridisierung. Besondere Bedeutung für das GRK erlangen Phänomene der Hybridisierung von Faktualität und Fiktionalität. Es gibt nicht nur faktuale Texte mit fiktio­nalen Elementen und umgekehrt, sondern Kombinationen und Mischungen von Faktualität und Fiktionalität, die eine eigene Qualität bekommen und sui generis sind. So kann die Auto­fiktion als eine Form von Hybridisierung gelten. In ihr lässt sich nicht mehr feststellen, was genau fiktio­nal, was autobiographisch ist; sie hat sich zu einer eigenen Kategorie oder Gattung entwickelt (Hor­nung/Ruhe 1992, Larrier 2006, Asthoff 2008, Baumann 2008).

Medialität/Medialisierung. Die im GRK vereinten Projekte richten besonderes Augenmerk auf Medialität und Medialisierungen. Werden gewisse Medien primär zur Authentifizierung oder zur Fiktionali­sierung eingesetzt (z.B. Photographien, Statistiken, Diagramme)? Wie verhalten sich die Strategien der Authentifizierung oder Verschleierung in Bild oder Film im Vergleich zu mündlichen oder schriftlichen Erzählungen? Dabei sollen einerseits die Eigenschaften einzelner Medien (Medialität) beim Einsatz für faktuales Erzählen untersucht werden, andererseits aber auch der Transfer zwischen einzelnen Medien und seine Auswirkungen im Kontext von Faktualität (Medialisierungen). Besonders eindrücklich lassen sich im Fernsehen Fiktionalisierungstendenzen in Reality Shows und Dokumentarfilmen ausmachen (vgl. Döveling et al. 2007).

Die genannten acht dynamischen Prozesse sollen helfen, die eher statische Dia­gnose von Divergenz, Interferenz bzw. Kongruenz von Faktualität und Fiktionalität metho­disch zu ergänzen und die Untersuchungen methodisch von einer rein strukturalistischen Erzähltheorie zu emanzipieren. Schräg zu diesen drei statischen und acht dynamischen Parame­tern verläuft eine Ebene der Gattungsunterscheidungen bzw. der fachspezifischen Ausformungen von Divergenz, Interferenz und Kongruenz einerseits, sowie der genannten dynamischen Prozesse andererseits (vgl. Diagramm 3). Faktuale Erzählungen und Mischformen von Fak­tualität und Fiktionalität sind je nach Gattung verschieden häufig und haben diverse Formen und Funktionen. Die Geschichtswissenschaft, die Psychologie, die Literaturwissenschaft, die Rechtswissenschaft oder die Archäologie, um nur einige zu nennen, haben ganz verschiedene Text- und Bildsorten und unter­schiedliche Zugänge zum Thema Faktualität und Erzählen. Durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit sollen diese Differenzen, Konvergenzen und Interferenzen mit den genannten dynamischen Prozessen zusammengeführt und interaktiv gegeneinander abgewogen werden. Ziel ist es, durch diese Strategie zu adäquateren Modellen zu kommen, die ein praktisches Arbeiten mit den Erzählungen in ihren verschiedenen medialen Manifestationen erlauben.

 

Gegenstand und Fragestellungen

Der Gegenstand des GRK „Faktuales und fiktionales Erzählen“ sind narrative Texte bzw. Erzählungen in nicht (nur) schriftlichen Medien, die entweder einen Anspruch auf Faktualität erlauben oder fiktionale und faktuale Elemente kombinieren bzw. vermischen. Dieser Gegenstand hat so­wohl eine theoretische, narratologische Ausrichtung, die sich in den unten aufgelisteten theo­retischen Fragestellungen äußert, wie eine thematische bzw. gattungs-, medien- und fächer­spezifische Ausformung, die eine große Variabilität bzgl. der Dissertationsprojekte ermög­licht. Ein solches weites Spektrum ist insofern erwünscht, als dadurch die theoretischen Fra­gen aus ganz verschiedenen Perspektiven betrachtet werden können und andererseits die Relevanz des Themas für viele Fächer und Gattungen bzw. für eine große Anzahl von Dis­sertationsprojekten offenbar wird.

Im GRK „Faktuales und Fiktionales Erzählen“ soll es um die folgenden theoretischen Frage­stellungen gehen, die anhand von bestimmten Textsorten und thematischen Schwer­punkten analysiert werden können.

 

(1)     Wie unterscheiden sich narrative von nicht-narrativen Textgattungen bzgl. der Faktualitätsfrage? (Zu Textgattun­gen allgemein vgl. Werlich 1983: 39; er unterscheidet zwischen Narration, Deskription, Exposition, Argumentation und Instruktion.) Gibt es z.B. historische Texte, die deskriptiv, dialogisch oder applikativ sind? Lassen sich für bildliche Darstellungen ähnliche Kate­gorien anwenden (vgl. Giuliani 2005)? Wie verhält sich Faktualität zu Fiktionalität in Bild und Text?

 

(2)     Auch innerhalb der einzelnen Gattungen faktualen Erzählens muss man Textsorten unterscheiden. So wie man etwa Zeitungsartikel nach den Textsorten Kommentar, Be­richt, Nachruf usw. differenziert, sollte man bei historischen Texten von Untergattungen oder Textsorten ausgehen, die je verschiedene Erzählstrukturen aufweisen: Biogra­phien; Epochendarstellungen; Geschichten von Ereignissen; Geschichte des longue durée-Typs; Nationalgeschichte; Globalgeschichte; Geschichte von Institutionen, Be­wegungen u.a.; Sozialgeschichten ‚von unten’; Spezialgeschichten (Wirtschaftsge­schichte, Theatergeschichte, Kirchengeschichte u.a.m.), audiovisuelle Geschichtsschreibung (Filme, Doku­mentarserien, Ausstellungen). Man kann davon ausgehen, dass in diesen Idealtypen die sprachliche Gestaltung z.T. recht verschieden ausfällt, so dass kaum generell gül­tige Regeln der Darstellung postuliert werden sollten.

 

(3)     In manchen Wissenschaftsdiskursen wie der Historiographie, aber auch in den Rechts­wissenschaften und der Theologie, sind die Objekte der Untersuchung faktuale narrative Texte (Reiseberichte, Zeugenaussagen, Evangelien, etc.). Wie ist die Beziehung von Unter­suchungsobjekt und Modalität des Wissenschaftsdiskurses zu fassen? In manchen Wissenschaften wirkt ein narrativer Diskurs z.B. popularisierend.

 

(4)     Darüber hinaus muss die Frage nach der Funktion des Erzählens gestellt werden. Fak­tuale Erzählungen haben teilweise ganz andere Funktionen als literarische Erzählun­gen oder mündliches Erzählen. Eine wichtige Funktion des Erzählens ist die der Erklä­rung von Zusammenhängen. Dies gilt auch für visuelle Darstellungen (Bilder, Dia­gramme, etc.), beispielsweise im Spannungsfeld von Deskription und Narration und von Fiktionalität und Historizität. Man sollte daher klären, welche anderen Modelle des Erklärens es neben denen des Erzählens gibt. (Als Beispiele ließen sich Meta­phern, Mythisierungen, Gesten, Diagramme und Illustrationen, Statistiken, Listen, mathematische Formeln, usw. aufführen.)

 

(5)     Erzählungen informieren nicht nur über Ereignisketten. Mündliche und literarische Erzäh­lungen dienen ebenso dazu, Identität zu konstruieren und zu vermitteln, Emotionen zu transportieren sowie zu überzeugen (Boothe 2010a, b). Dabei bedienen sie sich einer performativen Ästhetik (Wolfson 1982, Chafe 1980). Diese Qualitäten werden in Wissen-schaftsdiskursen traditionell eher abgelehnt, werden jedoch teilweise in anderen faktualen Erzählgattungen einge­setzt. Neben den oft auch als ‚literarisch’ kategorisierten Tagebüchern und Autobiographien enthalten Briefe, Werbetexte, Dokumentarfilme u.a.m. emotionale, persuasive und performative Elemente. Diese gilt es aufzuspüren und kritisch zu würdigen.

 

(6)     Eine zentrale theoretische Frage, die das GRK diskutieren wird, ist die Definition bzw. Reichweite des Begriffs Erzählung, sobald faktuales Erzählen im Vergleich mit fiktio­nalem im Zentrum der Analysen steht. Die traditionelle Narratologie hat ihr Untersu­chungsspektrum in den letzten zwei Jahrzehnten erheblich auf historische Texte, Dramen, Dichtung, Bilder, Film, Ballett, Musik und interaktive Hypertexte und Computer­spiele erweitert (Nünning/Nünning 2002, Ryan 2004, Phelan/Rabinowitz 2005, Grishakova/Ryan 2010). Diese Auswei­tung der Analyseobjekte erfolgte hauptsächlich intermedial bzw. intergenerisch (Drama, Lyrik als narrative Gattungen). Parallel dazu richtete sich sowohl in der Nar­ratologie, aber auch von anderen Wissenschaftsbereichen ausgehend, ein starkes In­teresse auf das Alltagserzählen, auf seine Funktionalität, seine Entstehungs- und Verwen­dungskontexte. Dies hatte bereits Konsequenzen für die Umdefinition dessen, was Narrativität ausmacht (vgl. Fludernik 1996, Ryan 2006, Pier/García Landa 2008, Herman 2009; für die Antike siehe Giuliani 2005). Eine stärkere Fokussierung auf Faktualität müsste ebenfalls in einer Neukonzeption des Verständnisses von Narrativität resultieren.

 

Unter den thematischen Schwerpunkten, Gattungen und Bereichen wären beispielhaft die folgenden zu nennen:

 

 (1)    Historisches Erzählen/Historiographie. Dieser bereits im Promotionskolleg „Geschichte und Erzählen“ analysierte Bereich soll hier noch systematischer betrieben werden. Angeknüpft werden kann an Untersuchungen zum Vergleich von historischem Roman und innovativer Historiographie (Schama 1991, Schlögel 2008), in der narratologischen Analyse von historischen Texten (in der Nachfolge von Carrard 1992, Genette 1993, Rüth 2005) und in der Untersuchung von Quellen, Bildern, mythischem Diskurs und historiographi­schen Texten im Vergleich. Innovative Historiographie und die Darstellung historischer Zusammenhänge in diversen Fernsehdokumentationen und in anderen medialen Darstellungen, die sich an ein Breitenpublikum wenden, wür­den diesen Bereich grundlegend ausbauen. Diese Fragen werden u.a. von Leonhard, Fludernik und Gehrke behandelt.

 

 (2)    Das Erzählen in Tagebüchern (z.B. aus dem Tagebucharchiv in Emmendingen) bzw. Briefen im Vergleich mit Ge­schichtsschreibung, u.U. auch unter Einbeziehung von Werken wie Walter Kempowskis Echolot. Die Analyse von Tagebüchern ist bislang stark von der For­schung zur Autobiographie beeinflusst gewesen. (Zu Literatur zur Autobiographie vgl. Lejeune 1989, Barros 1998 und Smith/Watson 2010.) Erstens soll hier nicht nur die inhärente Fiktionalität des Tagebuchs bzw. der Autobiographie untersucht werden. Vielmehr geht es darum zu zeigen, welche Funktion eine in Tagebuchform verfasste Erzählung hat, und welche Vor- oder Nachteile sie gegenüber einer autobiographischen, historiogra­phischen oder romanförmigen Darstellung bietet. Ein zweiter Schwerpunkt liegt auf der kulturwissenschaftlich relevanten Einbettung solcher Erzählungen und ihrer Verortung im Spektrum der Egodokumente, des sog. life writing oder der biofictions (vgl. u.a. Linde 1993, Middeke/Huber 1999, Nünning 2003a). Welche Erlebnisbe­reiche eröffnen diese Texte im Gegensatz zu Historiographie oder Roman – obwohl hier natürlich eine Skala anzunehmen ist. Egodokumente gehören zum Forschungsschwerpunkt von Gander, Korte, Hennigfeld und teilweise Fludernik.

 

 (3)    Themen, die Erinnerungsdiskurse betreffen, Studien zum kulturel­len Gedächtnis (vgl. Erll 2007, 2008) und v.a. seine mediale Aufbereitung. Die narrative (oft auch autobiographische) Bewältigung von Traumata ist ein weiteres Thema, das fallweise Überschneidungen mit den Erinnerungsdiskursen aufweist, aber im Kolleg auch empirisch von der Psychologie her bearbeitet werden soll. Es existieren zu beiden Bereichen Vorarbeiten in den Dissertationen des Promotionskollegs „Geschichte und Erzählen“. Die Betonung soll jedoch nicht mehr auf der Verarbeitung von ‚Geschichte‘ in autobiogra­phischen und fiktionalen Texten liegen, sondern in der Analyse des Status von Faktua­lität für die Traumaerzählung (individuell) bzw. den Erinnerungsdiskurs (meist kollektiv). Diese Thematik wird besonders in der Forschung von Aurnhammer, Gelz, Lucius-Hoene und Hennigfeld behandelt.

 

 (4)    Grenzübergänge zwischen Faktualität und Fiktionalität in der Autofiktion (Hor­nung/Ruhe 1992, Larrier 2006, Asthoff 2008, Baumann 2008) und in experimentellen Texten der jüngsten Vergangenheit wie z.B. W. G. Sebalds Austerlitz (2001), Arnold Stadlers Einmal auf der Welt. Und dann so (2009) oder Serge Doubrovskys Fils (1977; Mortimer 2009). Die quantitative Zunahme von Texten der sog. Autofiktion und ihrer z.T. widersprüchli­chen bzw. paradoxen Eigenschaften stehen im Fokus unseres Interesses. Angesichts der visuellen Elemente in Sebalds Werk, das für viele als prototypisch für die Autofiktion gilt, soll auch generell die Funktion visueller Elemente in narrativen Texten zur Sprache kommen. (Zum graphischen Roman vgl. Baetens/Bleyen 2010 sowie Herman/Gardner 2011.) Autofiktion ist auch unter diachroner Perspektive interessant, besonders für die Figur des Erzählers in mittelalterlichen Texten (Zumthor 1975, de Looze 1997). Unter den Antragstellern bzw. Assoziierten bearbeiten diese Themen besonders Gelz, Hennigfeld, Manuwald und Grage.

 

 (5)    Alltägliches Erzählen und in Interviews elizitiertes Erzählen von Selbsterlebtem zwi­schen Faktualität und Fiktionalität. Hier können auch in Zusammenarbeit mit (6) sowohl sprach- wie literaturwissenschaftliche Projekte durchgeführt werden. Besonders inter­essant wären literaturwissenschaftliche Analysen mündlichen Erzählens, welche die Ästhetik des Faktualen hervorheben. Verschriftlichte Interviews, auch als Teile von fiktionalen Texten, Cartoons und Dramatisierungen können kontrastiert und so die unterschiedlichen Erzählverfahren und die Strategien beim Wechsel von Faktualität zu Fiktionalität analy­siert werden. Auch verschiedene elektronische Medien lassen sich hier mit einbezie­hen. In der Forschung der Antragsteller sind Pfänder, Lucius-Hoene und Fludernik besonders an diesen Fragen interessiert.

 

 (6)    Oral history und Vergangenheitsentwürfe in Interviews (vgl. Barth-Weingarten/Pfänder 2002, Pfänder/Scholz-Zappa 2008, Pfän­der et al. 2009) und in interkulturellen Kontexten. Pfänder hat seitens der Romanistik intensiv oral history Interviews bearbeitet, die auch als Modell für Untersuchungen in anderen Disziplinen dienen können. Solche Interviews lassen sich nicht nur in linguisti­scher Perspektive analysieren sondern bieten für kultur-wissenschaftliche und historische Arbeiten interessantes Material. Die Historiographie, Soziologie und die Literaturwissenschaften interessieren sich auch für imaginierte Zeitzeugenschaft (Welzer 2005, Welzer et al. 2002).

 

 (7)    Erzählen in Rechtstexten. Basierend auf Hyde (1997), Schönert/Imm (1991), Gearey (2005), Richter (2008) und Sternberg (2008) kann man juristische Quellen und ihre narrativen Aspekte analysieren. Neben der Berücksichtigung der Narrativität von Zeugenaussagen und Plädoyers von Staatsanwälten bzw. Verteidigern, gilt es auch der Darstellung von Ereignissen in Urteilstexten nachzuspüren. Diese Fragen werden v.a. von Gander, Fludernik und Perron untersucht. Das Max-Planck-Institut für ausländisches und inter­nationales Strafrecht in Freiburg und die juristische Fakultät fungieren bereits als Kooperationspartner, z.B. im Centre for Security and Society, diversen interdisziplinären Dissertationen am Lehrstuhl Gander, sowie den Forschungsprojekten Albrecht/Fludernik/Gander und Gander/Perron (vgl. Gander et al. 2008, Albrecht et al. 2009, Olson 2010).

 

(8)     Erzählen in Management, Wirtschaft und Werbung. In Hinsicht auf Disziplinen, die beson­ders intensiv in der zweiten Antragsphase untersucht werden sollen, können bereits Projekte aufgenommen werden, die die Formen und Funktionen des Erzählens in Selbstdarstellungen von Firmen in Broschüren sowie von Positionen des Managements in der Interaktion mit der Belegschaft (Fog et al. 2004; Thier 2010), in Marketing- und Ver­kaufsdiskursen und in der Werbung (Freitas 2010) verfolgen. Diese Fragen gehen Gelz und Salmon nach.

 

(9)     Erzählen in Religion und Theologie (Heiligenlegenden bzw. Vitenliteratur, Exempel-sammlungen, Bibel, aber auch Bilderzählungen im religiösen Kontext). Die Narration in der Bibel hat schon einige strukturalistisch orientierte Studien hervorgebracht (Alter 1985, Sternberg 1985, Fokkelmann 1975, 2000); hier könnten auch Fragen nach dem grundsätzlich Narrativen der religiösen Erfahrung gestellt werden. Eine Verbindung mit Interviews und eine Koope­ration mit der Psychologie wäre begrüßenswert. Die sakrale Qualität von Erzählung beschäftigt neben Irsigler auch Zimmermann und Fludernik in ihrer Forschung.

 

 Forschungsprogramm und Methodik

Das Forschungsprogramm zielt auf eine systematische Abfolge von fünf Arbeitsphasen. Zunächst soll mit den Kollegiaten gemeinsam die Begrifflichkeit und Terminologie erarbeitet und diskutiert werden. Als zweites sollen Signale und Merkmale von Faktualität bzw. Fiktionalität in ihren pragmatischen Kontexten eruiert werden. Drittens soll an den Fallbeispielen der Dissertationen und anderen Projekte im Kolleg (der Postdocs, Antragsteller, Gastdozenten) die Palette der Interferenzen, Überschneidungen und Hybridisierungen erarbeitet und die jeweiligen Funktionen solcher Überlappung diskutiert werden. Viertens können anhand der ersten Ergebnisse aus den Projekten vergleichende Untersuchungen zwischen faktualen und fiktionalen Texten bzw. ihrer narrativen Strukturen und Erzähltechniken stattfinden. Diese sollten schließlich fünftens in einer methodischen Diskussion über den Import interessanter Modelle, wie sie z.B. in der Psychologie oder in den Wirtschaftswissenschaften entwickelt wurden, resultieren und zu Modifikationen der traditionellen Erzählforschung auf der Basis faktualer Medienprodukte und der Interferenz von Faktualität und Fiktionalität führen.Die am GRK beteiligten Neuphilologien zeichnen sich durch ein intensives Interesse an erzähltheoretischen Fragestellungen aus. Innerhalb der Erzählforschung soll sich hier jedoch auf bislang weniger erforschte Bereiche und Aspekte konzentriert werden: auf das faktuale Er­zählen und besonders auf Übergangs- und Hybridisierungsformen von Fiktionalität und Fak­tualität, die auch in den anderen beteiligten Disziplinen aktuelle Forschungsthemen sind. Im GRK sollen die oben skizzierten theoretischen Fragen anhand einer Reihe thematischer und gattungsspezifischer Beispiele erforscht werden. Die Fallbeispiele der Dissertationen sollen zwar fachspezifisch in Fragestellungen und Methodik ausgerichtet, aber interdisziplinär vernetzt sein, so dass sich daraus Anhaltspunkte für die Beantwortung der theoretischen Probleme ergeben. Umgekehrt soll der Theorierahmen die praktischen Analysen in den Fallstudien steuern. Der Mehrwert des vorgeschlagenen Graduiertenkollegs besteht unserer Ansicht nach auch darin, dass die Studierenden über ihre Fachdisziplinen hinaus und in vielen Fällen insbesondere über die literarischen Texte und Medienprodukte hinaus lernen, mit Erzählung als einem Texttyp umzugehen, der weit verbreitete Anwendung findet und in realen Kontexten sehr reale Wirkungen entfaltet. Wie die Anwendung von Erzählforschung in Management, Projektevaluation und Brand-Marketing zeigt, eröffnet das Thema den Promovenden auch aktuelle Perspektiven der wirtschaftlichen Verwertung ihrer Forschung. Zudem unterstreicht die Betonung des faktualen Erzählens die kognitiven Grundlagen unserer Erzählpraktiken und lässt sich so mit den Entwicklungen in der kognitiven Erzählforschung engführen (Herman 1997, 2003; Hogan 2003, Zun­­shine 2006). Das Graduiertenkolleg ist in seiner Methodik einerseits narratologisch fokussiert aber andererseits pluralistisch konzipiert. Innerhalb der Narratologie werden als fundierende Mo­delle Genette (1972/dt. 1998) bzw. Martínez/Scheffel (2009), Stanzel (2008) und Fludernik (2010a) sowie Chatman (1990) und Herman (2009) zugrunde gelegt. Bezüglich neuester Entwicklungen beziehen wir uns auf Nün­ning/Nünning (2002), Schmid (2005), Klein/Martínez (2009) sowie Grishakova/Ryan (2010). Die Methoden­vielfalt kommt in den einzelnen Fachbe­reichen zum Tragen und bewegt sich in einer Spannbreite von den philologischen Fächern bis hin zur Psychotherapie, Rechtswissenschaft, Theologie und Wirtschaftswissenschaft. Es soll einer­seits die Übertragbarkeit des narratologischen Modells zur Debatte stehen und die Möglichkeiten seiner Modifizierung bzw. der Sinnhaftigkeit eines neuen Modells diskutiert werden. Auf der anderen Seite wollen wir aus der Praxis und dem Umgang mit Erzählung in den nicht­philologischen Fächern lernen. Die Analyse von Erzählungen in der Psychologie und das Spektrum der narrativen Elemente in faktualen Texten und Medienprodukten allgemein werden einen großen praktischen und theoretischen Einfluss auf die Methodik haben. Das Kolleg profitiert des Weiteren von der methodischen Diskussion innerhalb der Geschichtswissenschaft und insbesondere von der Auseinandersetzung mit Paul Ricoeur (1973,1978,1987 [engl. Fassung 1983-85]; s.a. White 1999, 2010). Darüber hinaus sind Arbeiten von Reinhard Koselleck zur historischen Semantik (1979) und Methodik der Geschichtsschreibung (2000; Koselleck et al. 1982, Koselleck/Stempel 1973) fundierend. Auch die Arbeiten von Jörn Rüsen (1983, 1986, 1989, 1993, 2005) spielen eine Modellrolle im Kolleg. Schließlich sind die Publikationen von Harald Welzer (2002, 2005, Markowitsch/Welzer 2005) neben anthropolo-gischen Zugängen zur Erzählung (Geertz 1973, 1983; Linde 1993, Bruner 2004) wichtig für unsere Arbeit in einzelnen Fächern. Eine Öffnung zu den Kognitionswissenschaften wird durchgehend befürwortet.Ein besonderer methodischer Zugewinn stellt die Einbindung der Linguistik mit ihrer diskurstheoretischen Tradition dar, wie auch die in der therapeutischer Psychologie verwendeten Modelle. Hier wird besonders auf die performativen Aspekte mündlichen Erzählens, auf die Gesichts-Projektion bzw. -Wahrung (face), auf Identitätskonstruktion und die Verschleierung unangenehmer Tatsachen in der mündlichen Erzählung fokussiert. Die Methodik ist daher einerseits linguistisch, andererseits psychologisch und soziologisch orientiert (vgl. etwa die Funktionen des life writing). Die einzelnen involvierten Fachdisziplinen benützen selbstverständlich weiter ihre eigenen methodischen Zugänge wie z.B. die Quellenkritik in der Geschichtswissenschaft, rhetorische Analysen in der Literaturwissenschaft oder Ikonographie und Ikonologie in der bildwissenschaftlich ausgerichteten Klassischen Archäologie. Die Zusammenarbeit mit den verschiedenen Fächern stellt einen eminenten Vorteil dar, weil so Anregungen zur methodischen Korrektur gefördert werden und sich auch die Grenzen sowie Chancen der eigenen Fachmethodik genauer zeigen.

  Forschungsstand

Faktuales Erzählen ist unter sehr verschiedenen Perspektiven Thema der For­schung gewesen. Besonders eingehende Untersuchungen existieren zum Erzählen in der Ge­schichtsschreibung, nota bene nach der ‚narrativen Wende’, dem „narrative turn“ (Kreiswirth 1995) und in Anlehnung an Hayden White (1978, 1981, 1987). (Vgl. auch Fulbrook 2002 und Munslow 2007.) Aus narratologischer Perspektive ist besonders Nünning/Nünning (2002) zu nennen, ein Sammelband, der Beiträge zum historiographischen Erzählen (Jaeger 2002, 2003, 2009) und zum Erzählen in bildlichen Medien, u.a. in Comics, sowie in der therapeutischen Psychologie enthält. Zuletzt hat Matías Martínez mit Christian Klein in der einführenden Studie Wirklichkeits­erzählungen (2009) das Thema faktuales Erzählen behandelt. (Eine Fortsetzungsstudie – Aumüller 2011 – ist im Druck.) In dieser Aufsatz­sammlung werden paradigmatisch juristische, psycho-therapeutische, naturwissenschaftliche, historio­graphische, ökonomische, moralisch-ethische, journalistische, theologische und poli­tische Diskurse untersucht. Ein besonders interessantes Kapitel widmet sich dem kollektiven Erzählen. Die Beiträge in diesem Band bieten einen hervorragenden Überblick über den For­schungsstand und liefern auch viele Anregungen für weitere Forschungsarbeiten, v.a. für mögliche Fallbeispiele und Dissertationsprojekte, die diese ersten Ergebnisse vertiefen und systematisch miteinander verknüpfen können. Eine enge Kooperation mit Matías Martí­nez (Wuppertal) ist vorgesehen, die sich in Workshops, gemein­samen Tagungen, einem Gastdozenten-Aufenthalt und regem Austausch äußern soll. Im Gegen­satz zu einer rein nar­ratologischen Analyse faktualen Erzählens in mehreren Kontexten, sollen unsere Forschun­gen darüber hinausgehend Diskursstrategien faktualer Diskurse untersuchen und die Hybri­disierung fiktionalen und faktualen Erzählens theoretisch und praktisch fassen. Eine enge Zusammenarbeit mit der Linguistik und deren Knowhow bezüglich text types (also ‚Gattun­gen‘ faktualer Diskurse) wird hier helfen, konzeptionelle Schneisen zu schlagen. Das GRK ist auch bezüglich seiner erzähltheoretischen Grundlagen innovativ, da es nicht nur Standardmodelle der Erzählforschung weiterschreibt sondern neue theoretische Modelle zu generieren sucht. Darüber hinaus werden generell sog. „postklassische“ Formen der Erzähltheorie praktiziert (Herman 1999, Alber/Fludernik 2010) und aktuelle Erkenntnisse aus der kognitiven Erzählforschung mit eingebunden (Herman 2003, Hogan 2003). Historiographie. Trotz der Arbeiten von Hayden White (1978, 1981) und Paul Ricoeur (1983-85) ist die narratologische Analyse von Geschichtstexten noch nicht erschöpfend be­handelt worden. Vielmehr greift White zu kurz, da er die Diskurse der Historiographie auf einer sehr abstrakten Ebene charakterisiert. Die hier geplante Forschung baut auf den Arbeiten von drei Forschern auf: Philippe Carrard, der die Bücher der Annales-Schule aus erzähltechnischer Perspektive untersuchte (Carrard 1992; vgl. auch Genette 1993, Rüth 2005), Robert F. Berkhofer (1995) und Jörn Rüsen (1983, 1986, 1989, 1993, 2005; vgl. auch Süssmann 2000). Zudem ist aus der methodischen Perspektive einer vergleichenden Erfahrungsge­schichte nach der langfristigen Entwicklung bestimmter Erzählmuster (Diachronität des Dis­kurses) zu fragen. Damit hängen die Fragen nach der besonderen Verzeitlichung zusammen: Welche Narrationsmuster stehen hinter den von Reinhart Koselleck differenzierten Formen des „Aufschreibens“, „Umschreibens“ und „Fortschreibens“? Ebenso wird die synchrone Pluralität oder Diversität der Darstellungsweisen (u.a. im Kontext einer Gleichzeitigkeit von historisch ungleichzeitigen Erfahrungssedimenten) zur Debatte gestellt. Wie lassen sich Narrationen übersetzen, und welche semantischen Verän­derungen gehen mit solchen Übersetzungsvor­gängen zwischen Gesellschaften einher? Mündliches Erzählen. Zum Alltagserzählen in diskurs- und konversationsanalytischer Per­spektive ist bereits sehr viel geforscht worden (vgl. allgemein Brown/Yule 1983, Atkinson/Heritage 1984, Sacks 1992, Psathas 1995, van Dijk 1997, Hutchby/Wooffitt 1998, Schiffrin et al. 2001, Brinker/Sager 2006, Schegloff 2007; zur Erzählung im Alltagsgespräch s. Eh­lich 1980, Quasthoff 1980, Tannen 1989, Bamberg 1999, Ochs/Capps 2001, Lucius-Hoene/Deppermann 2004, Quasthoff/ Becker 2005). Neu wäre in der Arbeit des Kollegs allerdings die Herausarbei­tung der faktualen Bezüge, um die es im GRK vorrangig gehen soll, sowie von Authentifizie­rungsstrategien und der Verschleierung von fiktionalen Elementen in mündlichen Erzählun­gen. Im GRK wird insbesonders oral history (vgl. Perks/Thomson 2006, Terkel 1990, Barth-Weingar­ten/Pfänder 2002, Caban et al. 2007, Gehrke et al. 2009, Scholz-Zappa/Pfänder 2008) und die psychotherapeutische Erzählung (Lucius-Hoene 2000, 2007, 2008c, Lucius-Hoene/Deppermann 2004, Boothe 1994, 2004, 2010b) mit einbe­zogen werden. Neben dem mündlichen Erzählen ist auch das Erzählen in diversen Medien bereits Gegenstand intensiver narratologischer Bemühungen gewesen (u.a. Helbig 1998, Ryan 2001, 2004, 2006, Giuliani 2005, Grishakova/Ryan 2010, Kuhn 2011), wie das Erzählen in diversen intermedialen Zusammenhängen und Transferbezügen (Drama, Film, Cartoon/Comic, Zeichnung/Malerei unter Einschluss auch von Formen der musikalischen Expression und ihrer möglichen ‚narrativen’ Dimension – Nünning/Nünning 2002, Ryan 2004, Phe­lan/Rabinowitz 2005). Für die griechische Antike wurde neuerdings die herausragende Kapazität mythischen Erzählens im Bild für den antiken Umgang mit ihrer Gegenwart und Geschichte herausgearbeitet (Hölkeskamp 2009). Die Relation von Mythenbild und Geschichte wird hingegen schon lange thematisiert. Ein wichtiges Forschungsfeld der römischen Antike betrifft die Frage nach der Relation zwischen historischer Faktizität, narra­tivem Inhalt und normbestätigender Typologisierung erzählerischer Bilddarstellungen, be­sonders bezüglich der römischen Kaiser (vgl. insbesondere die Arbeiten von Tonio Hölscher 1980, 1984, 2003). Dennoch ist den (audio-)visuellen Medien und den Wandlungen der Er­zählung im Kulturtransfer innerhalb der faktualen Erzählung nicht viel Beachtung geschenkt worden. Obwohl Cartoons bzw. Comics bereits narratologisch untersucht wurden (Abbott 1986, Carrier 2000, Kukkonen 2009, Pratt 2009), gibt es weder eine systematische Erzählforschung zur Kombination von Bild und Text (und Musik), noch eine weitgehende Einigkeit über Fragen der Narrativität des Bildlichen (Ansätze jedoch in mehreren Aufsätzen in der Zeitschrift Text and Image und in Nanay 2009, Lehtimäki 2010). Jenseits der zahlreichen Untersu­chungen zu Ekphrasis und Film soll hier das visuelle Medium als theoretisierbarer Bereich erschlossen werden, v.a. in Zusammenarbeit mit der bildwissenschaftlich orientierten Archäologie. Darüber hinaus wird in diesem Bereich die Frage von Interkulturalität und Kul­turtransfer verortet (in Freiburg u.a. betrieben von Andreas Gelz,
Burkhard Hasebrink und Michaela Holdenried).
Autobiographie. Bezüglich der Ausweitung der narratologischen Fragestellung auf andere faktuale Erzählungen sind auch die Autobiographie bzw. das Tagebuch wichtige Gattungen. In der Linguistik gibt es viel Forschung zu mündlichem Erzählen. (Vgl. für die Forschung zu Identität und Narration auch Johnstone 1997, 2004, Lucius-Hoene/Deppermann 2000, 2004, Bamberg et al. 2008, Klepper/Bamberg [in Arbeit]; konversationsanalytische Analysen von Kriegserlebnissen sind rezenteren Datums – vgl. Pfänder et al. 2007, Pfänder 2009.) Über die linguistische Konversationsanalyse hinaus sind Studien zu „living narrative“ (Ochs/Capps 2001) und zu oral history (Parks/Thomson 2006) hier ebenfalls relevant. Vergleiche dieser Ergebnisse mit autobio­graphischem und literarischem Erzählen aus narratologischer Perspektive stellen eine inno­vative Erweiterung dieser Ansätze dar. Die Narratologie hat bislang die Frage nach Selbst­darstellung, Identitätsfindung und Performativität des Erzählens nur im Rahmen des unzu­verlässigen Erzählers (Nünning 1998) oder der Mimesis des Erzählakts (Nünning 2001), z.B. auch im Zusammenhang mit skaz (vgl. Eichenbaum 1918, Vinogra­dov 1925) erläutert. Hier ließe sich also ein fundamentaler Erkenntnisgewinn dank des neuartigen Ansatzes erhoffen, der auch ein Einfließen der Erkenntnisse aus Historiographie und Psy­chotherapeutik in die Erzählforschung markiert. Der Neuwert der hier zu erbringenden Erkenntnisse stammt insbesondere aus der Verbindung ganz unterschiedlicher Wissenschaftstraditionen. So wird einerseits die stark anwendungsbezogene Erzählforschung (Traumaforschung) eingebunden, und andererseits die hoch literarische Spielform der Autobiographie, z.B. im Gewand der Autofiktion (Rosse 2002, Asthoff 2008, Mortimer 2009), miteinander in Beziehung gebracht. Der Status von Erzählung im Recht ist bislang besonders im angelsächsischen Be­reich untersucht worden (Brooks 2005), da dort im Rahmen des Pro­zesses vor Geschworenen Anklage und Verteidigung jeweils ihre eigene Version der Vor­gänge präsentieren (Brooks/Gewirtz 1996, Bruner 2002, Cotterill 2003, Sundby 2005). Weni­ger häufig sind literarische, besonders metaphorische und rhetorische Strategien in Urteils­texten erörtert worden (siehe v.a. Hyde 1997) und erst kürzlich hat Meir Sternberg (2008) einen Vorstoß in Richtung einer narratologischen Analyse von Gesetzestexten unternom­men. Eine genaue Textanalyse einer breiten Palette von Rechtstexten verspricht hier also noch einige interessante Aspekte zu Tage zu fördern. Olson (2010) hat zudem auf interes­sante kulturelle Differenzen im juristischen Diskurs hingewiesen, die auch den Status und die Form des Erzählens betreffen. Die narrative Präsentation von juristischen Vorgängen in Do­kumentar- und Reality-TV-Filmen wäre eine besonders spannende Entwicklung (vgl. Fluder­nik/Brandenstein 2009, Asimov 2009). Durch die Kooperation von Fludernik und Gander mit dem Max-Planck-Institut im Rahmen des DFG Projektes „Norm – Recht – Krimi-nalisierung“ besteht unter den AntragstellerInnen Kompetenz für diese Fragen. Der Gebrauch narrativer Konzepte und narratologischer Begriffe im philosophischen Diskurs ließe sich ebenfalls noch weitergehend untersuchen. Dabei kann auf die Debatten über Metaphorik in philosophischen Texten zurückgegriffen werden, die in der Philosophie seit Locke geführt werden (Derrida 1974, Ricoeur 1977, Cazeaux 2006, Eaglestone 2006). Analog dazu wird die Stellung von Erzählung als wichtiger Kern philosophischer Argumente nicht nur bei Nietzsche thematisiert (vgl. Nash 1990, Badiou 2002). Auch ist die Erzählfor­schung in der Theologie weit fortgeschritten (Fokkelman 1975, Alter 1985, Sternberg 1985, Richter 2008). Gerade deshalb kann auch hier von einer modellhaften Vorbildfunktion gesprochen werden. Die Bereiche Rechtswissen­schaften, Philosophie und Religionswissenschaften dokumentieren eine erfolgreiche Anwendung erzähltheoretischer Fragen auf nichtliterarische Texte. Besonders die theologischen Dokumente stellen einen Sonderfall dar, weil ihre Fiktionalität je nach Weltanschauung des Interpreten strittig ist. Dasselbe gilt auch für Heiligenviten, Predigten und andere Texte die sich innerhalb einer religiösen Praxis verorten lassen. Hier eröffnen sich spannende Ansatzpunkte. Die Verwendung narratologischer Terminologie in der Analyse von Erzählungen und ihrer Struktur im medizinischen und psychotherapeutischen Kontext ist wohl am weitesten fortge­schritten. Diese Forschung eignet sich v.a. theoretisch für die Analyse der praktischen Reichweite und Implementierbarkeit transdisziplinärer narratologischer Modelle. Aufbauend auf Rimmon-Kenan (1996) und narratologisch-linguistischen Analysen von Gesprächen im thera­peutischen Umfeld (Boothe 2010a, b, Lucius-Hoene 1997, 1998, 2000, 2002, 2007) könn­ten im GRK mögliche Transfermodelle diskutiert und adaptiert werden. Die Er­rungenschaften der Erzählforschung im klinischen Bereich bestehen besonders darin, dass fiktionale Aspekte des Erzählens in den Vordergrund gestellt werden, die u.a. die Manipu­lation von Identität(en) und die gezielte Beeinflussung des Gegenübers hervorheben. Gerade hier zeigt sich sehr schön, dass die traditionelle Erzähltheorie im ‚luftleeren‘ Raum stattfand und, wie der New Criticism, ungenügend kontextualisiert wurde. Zum Erzählen in wirtschaftlichen Kontexten und in der Werbung gibt es zwar schon einige Vorarbeiten (vgl. u.a. Fog et al. 2004, Thier 2010, Salmon 2010, Freitas 2010), doch sind diese in den Philologien noch nicht diskutiert worden. Nach Thier (2010: 17) ist Storytelling eine „Methode, mit der (Erfahrungs-)Wissen von Mitarbeitern über einschneidende Ereignisse im Unternehmen […] aus unterschiedlichen Perspektiven […] erfasst, ausgewertet und in Form einer gemeinsamen Erfahrungsgeschichte aufbereitet wird“ (Hervorhebung im Original). Hier öffnet sich ein weites Feld für Forschungen, das auch durch die Form des kollektiven Erzählens besonders spannend wird. Modellhaft für die Analyse von Erzählung in Werbung und Marketing mögen die Arbeiten von Charles Forceville zur visuellen Metapher in Werbung und Cartoon sein (1996, 2008,  Forceville/Urios-Aparisi 2009). Auch die Ausweitung der Nar­ratologie auf diverse naturwissenschaftliche Applikationsfelder dürfte besonders attraktiv sein. Trotz der frühen Arbeit von Nash (1990) ist hier noch weniger ausführlich gearbeitet worden und das Thema scheint derzeit wieder Interesse auf sich zu ziehen. (Zur Tagung der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften im Juli 2009 s. Engler 2010.

 Mögliche Dissertationsthemen

Die im Forschungsprogramm angeschnittenen Fragen eignen sich für eine breite Palette von Untersuchungen, die für die Erstellung von Qualifikationsarbeiten kongenial sind. Als mögliche Themen und Themenbereiche lassen sich aufführen:

 (1) Mündliches Erzählen, v.a. im Vergleich zu Memoiren/Autobiographie

 (2) Autobiographie/Memoiren im Vergleich zu historischen Quellen/Historiographie

 (3) Erzählen vor Gericht, Erzählung in Rechtsdiskursen

 (4) Erzählen in religiösen Texten

 (5) Corporate Identity als Erzählung, Erzählen in der Wirtschaft

 (6) Wissenschaftsdiskurse und das Erzählen, z.B. in der Biologie, Physik, Astronomie

 (7) Erzählen in Dokumentarfilmen im Vergleich zu Historiographie und/oder Journalismus

 (8) Mediale Bedingtheiten antiker Bilderzählungen


Für die einzelnen Fachbereiche ergeben sich u.a. folgende mögliche Dissertationsthemen:

Englische Literaturwissenschaft

1. Period Images: Das 17. Jahrhundert in der Darstellung und Deutung des britischen Fernsehens seit den 1960er Jahren.

2. Das historische Dokudrama im britischen Fernsehen seit den 1990er Jahren.

3. Der Gerichtsprozeß in Heiligenlegenden des 16. Jahrhunderts: Fiktionalisierung oder Rhetorisie­rung?

4. Menschliches Leid zwischen Fakt und Fiktion: Das misery memoir als Erfolgsgenre der zeitgenössischen britischen Literatur.

5. Werbung und Cartoons als narrative Gattungen am Beispiel britischer Zeitungen.

6. Die Migrationsthematik auf der britischen Bühne der Gegenwart: Vom Edutainment zum Skandal.

Germanistik

1. Geschichtslyrik des 19. und 20. Jahrhunderts.

2. Archäologische Lyrik in der Moderne.

3. Erzählte Städte.

4. Fiktionalisierungstendenzen in „Factual Entertainment“ TV-Serien (z.B.: Bauer sucht Frau, Frauentausch oder Goodbye Deutschland! Die Auswanderer).

5. Tagebuch als literarische Form.

6. Trauernarrative zwischen Aktualisierung und Distanzierung.

Geschichte

1. Revolutionen als historiographische Erzählmuster im langen 19. Jahrhundert: Ein
            europäischer Vergleich.
2. „Aufschreiben, Fortschreiben, Umschreiben“: Zum Verhältnis von Geschichte und
            Erzählung bei Reinhart Koselleck.
3. Der Memorialdiskurs der französischen Harkis seit 1962.
4. Zeitschichten: Gleichzeitigkeit und Ungleichzeitigkeit als Thema postrevolutionärer
            Gesellschaf-ten nach 1814/15.
5. Beschleunigung und Kompression: Kriegserfahrungen im frühen 20. Jahrhundert.
6. Die Beschreibung in Historiographie und Roman im Vergleich: z.B. Carlyle vs.
            Dickens vs. Moderne Geschichten der französischen Revolution.
7. Geschichtsnarrationen für junge Leser in der britischen Literatur von Dickens bis
            Morpurgo.

Klassische Archäologie

1. Gegenwartsbezüge mythologischer und Mythisierung faktualer Bilderzählungen in Athen (7.-4. Jh. v. Chr.).

2. Bilderzählungen als Historiographie? Narratologische Analyse griechischer und römischer ‚Histori­enbilder’.

3. Homerisierende Bilder in der attischen Vasenmalerei.

4. Hellenistische Siegesmonumente zwischen Mythisierung und Gegenwartbezug im sakralen und urbanen Raum.

Klassische Philologie

1. Autobiographie bzw. Autobiographisches bei den attischen Rednern.

2. Die Darstellung von Vergangenheit bei den griechischen Rednern.

3. Die Darstellung von Vergangenheit im attischen Drama.

4. Autobiographie und Rhetorik: Selbstdarstellung in Ciceros Werken.

Linguistik

1. Erzählungen zum ersten Schultag und die Frage nach der Wirklichkeit.

2. Was meine Mutter/mein Vater über den Krieg erzählt hat: Analysen mündlichen Erzählens aus zweiter Hand.

3. Interkulturelles Storytelling: Urlaub in der Türkei aus der Sicht von Schülern der Sekundarstufe mit deutschem und türkischem Familienhintergrund.

Medienwissenschaften

1. Faktualität und Fiktionalität in deutschen Gerichtsserien.

2. Faktualität und Fiktionalität in Krimiserien.

3. Narrativität der Nachrichten.

4. Nachrichten im Netz im Vergleich zur 8.00 Uhr Sendung.

5. Erzählen im Tierfilm.

6. Erzählen in der Kinowerbung.

Philosophie

1. Die Erzählung des Sokrates: Eine vergleichende Analyse des Sokratesbildes bei
           Hegel, Kierkegaard und Nietzsche.
2. Selbstbildung in Erzählungen. Zu Ricoeurs Lehre von der narrativen Identität.
3. Erzählte Wirklichkeit: Hermeneutische Analysen von Selbst- und Weltbildern in
           Ego-Dokumen­ten.
4. Geschichte in Geschichten. Zur Phänomenologie Wilhelm Schapps.
5. Wirklichkeit und Reflexion eine Untersuchung zu den Essais Montaignes.

Psychologie

1. Stimmeninszenierung in erzählten Interaktionen.

2. Agentivität und semantische Rollen in autobiographischen Narrativen.

3. Adressaten und Adressierungen in Tagebuchnarrativen.

4. Tagebucherzählungen zwischen Fiktionalität und Faktualität.

5. Narrativierungen chronischer Krankheit.

Romanistische Literaturwissenschaft

1. Die neue Biographik im französischen Gegenwartsroman (Jean Echenoz u.a.).

2. Die Darstellung von Sexualität in der Literatur – ein Grenzfall des Erzählens?

3. Experimentelle Literatur – ein Konzept und seine Geschichte.

4. Die Aufarbeitung des ersten Weltkriegs in der Literatur des Entre-deux-Guerres.

5. Fiktionale und Faktuale Erzählmodelle in der spanischen und französischen Pressegeschichte des 18. Jhs. – eine intermediale Konstellation.

6. Neo-Pikaresken? Die Rezeption pikaresker Erzählmodelle in der Literatur der

               Romania.

7. Gattungsspezifische Formen der Wirklichkeitssimulation: die Korrespondenz, der Reisebericht, der historische Roman u.a..

Skandinavistik

1. Enthüllungen: Per Olov Enquists historische Romane zwischen Dokumentarismus und grand récit.

2. Journalistisches Erzählen: Herman Bangs Reportagen.

3. Spurensuche: Der Mord an Olof Palme und die Erzählliteratur.

4. Trauma und Fiktion: Autobiographisches Erzählen in der skandinavischen Literatur des 21. Jahr­hunderts.

Slavistik

1. Reisetexte russischer Autorinnen im 19 Jahrhundert.

2. „Literatura fakta“ – Faktuales Erzählen als Programm in der frühen Sowjetunion.

3. Armut in Russland: Strategien der Ästhetisierung (Literatur, Film, Fotografie).

4. Museum als Text: Russische Literaturmuseen zwischen Faktualität und Fiktionalisierung.




[2]           Das Kolleg würdigt die Arbeiten von Hayden White (1978, 1981, 1987) und liest diese nicht als Panfiktionalismusthesen. Wir halten an einer grundsätzlichen Unterscheidung zwischen Faktualität und Fiktionalität fest.

[3]           In Analogie zur fingierten Mündlichkeit (Goetsch 1985) könnte man eventuell auch von einer fingierten Referentialität sprechen.

[4]           Vgl. auch die kürzliche Sendung „Spiegel TV-Reportage“, die am 2.5.2011 um 23 Uhr in SAT 1 ausgestrahlt wurde.

 

 
Bibliographie

 

 
 

 

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