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Stephanie Haug

Dipl.-Psych. Dr. Stephanie Haug

Kontakt

Graduiertenkolleg 1767 “Faktuales und fiktionales Erzählen”
Erbprinzenstr. 13
D-79085 Freiburg
stephanie.haug@psychologie.uni-freiburg.de

Wissenschaftlicher Lebenslauf

Nach einer zunächst nicht-akademischen Laufbahn, in der ich als Physiotherapeutin mit den Schwerpunkten Neurologie und Orthopädie tätig war, beginnt mein wissenschaftlicher Lebenslauf 2006 mit dem Studium der Psychologie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, das ich 2012 mit dem Diplom abgeschlossen habe. Studienschwerpunkte waren Rehabilitationspsychologie und Arbeits- und Organisationspsychologie. Bereits meine Diplomarbeit hatte die Reinszenierung von Ärzten in krankheitsbezogenen Interviews zum Thema; hier habe ich meine Begeisterung für qualitative Forschung in der Psychologie, für gesprächsanalytische Methodik und für die mikrosprachliche Analyse von Positionierung und sozialer Aushandlung im Gespräch entdeckt. Mein Dissertationsthema baut auf den dort erarbeiteten Ergebnissen auf und stellt sie in einen größeren Kontext. Mit einer soziolinguistischen Herangehensweise und einer genuin psychologischen Fragestellung stehe ich zwischen verschiedenen Disziplinen, was manche Tücken birgt, was ich aber auch als enorme Bereicherung empfinde.

Dissertationsprojekt

Die Stimme des Arztes in den Erzählungen chronisch kranker Menschen
(Betreuer: Prof. Dr. Gabriele Lucius-Hoene und Prof. Dr. Stefan Pfänder)

In dieser Forschungsarbeit wird untersucht, wie Menschen im Erzählen ihrer Erfahrungen mit einer chronischen Erkrankung ihre behandelnden Ärzte zitieren und welche Funktionen diese fremde Rede in den Erzählungen erfüllt. Es wird gezeigt, wie sich in der Nutzung der Arztstimme in Krankheitserzählungen spezifische Herausforderungen für die Arzt-Patient-Beziehung abbilden und wie dadurch Identitätsarbeit und Bewältigungsprozesse unterstützt werden.
Dafür wurden aus zwei bereits vorhandenen Korpora mit narrativen Interviews zu persönlichen Krankheitserfahrungen mit chronischem Schmerz (37 Interviews) und mit Diabetes mellitus Typ 2 (34 Interviews) insgesamt 689 Textabschnitte isoliert, in denen die Erzählenden Arztrede zitieren. Auf Basis dieser Texte wurden mit Hilfe von konversations-, gesprächs- und erzählanalytischen Methoden zunächst die allgemeinen kommunikativen Funktionen der Nutzung von Arztrede aus einer interaktional-linguistischen Perspektive konzeptualisiert und Besonderheiten und Auffälligkeiten in diesem Kontext beschrieben. Die präsentierten kommunikativen Funktionen der Arztrede sind Informieren, Kondensieren, Demonstrieren, emotionales Einbinden des Publikums (Involvieren), Authentifizieren, Positionieren und Argumentieren. Als besondere Vorkommnisse in den Daten werden markierte fiktive Rede, Unbestimmtheiten bei der Darstellung der Arztstimme und Variationen der gleichen Rede in mehrfach erzählten Geschichten (retellings) beschrieben und in ihrer Funktionalität für den jeweils aktuellen Gesprächskontext untersucht.
In einem weiteren Schritt werden die Erzählanliegen differenziert, innerhalb derer die Arztrede auftaucht, und die Selbst- und Fremd-Positionierungen beschrieben, die in der Erzählung durch die Nutzung von Arztrede konstruiert werden. Die Arztstimme erscheint insbesondere in Erzählabschnitten, in denen der Fortgang der Erkrankung, ärztliche Meinungen oder konkrete Arztbegegnungen veranschaulicht werden. In der Analyse wird deutlich, wie eng die Positionierungen mit diesen lokalen Erzählanliegen zusammenhängen und wie sich darin neben den allgemeinen Erwartungen an Ärzte auch krankheitsspezifische Herausforderungen für die Arzt-Patient-Beziehung spiegeln. Neben Erzählungen von Hilfe und emotionaler Unterstützung treten auch Narrative auf, mit denen Enttäuschung und Ärger ausgedrückt wird; wiederkehrende Themen dabei sind Respekt, Anerkennung, Beteiligung und die Würde des erzählten und des erzählenden Ich.
Der Vergleich zwischen den beiden Korpora zeigt, wie sich in den Erzählungen von chronischem Schmerz insbesondere die Erwartung an den Arzt abzeichnet, den Schmerz anzuerkennen, zu erklären und wenn möglich zu reduzieren, während in den Erzählungen zu Diabetes mellitus Typ 2 die Arztstimme zusätzlich auch zur Veranschaulichung von Verhaltenserwartungen an das erzählte Ich genutzt wird, die im Anschluss daran verhandelt werden können.
Die Ergebnisse zu den kommunikativen Funktionen der Arztrede und zu den Positionierungen, die erzählerisch konstruiert werden, werden zusammengeführt und ihre Bedeutung für Identitäts- und Bewältigungsarbeit wird herausgearbeitet. Anhand von zwei etablierten psychologischen Konzepten zu Coping, dem transaktionalen Stressmodell von Lazarus und Folkman (1984) und dem Sense of Coherence von Antonovsky (1979, 1997), wird aufgezeigt, wie die Nutzung von Arztrede in Krankheitserzählungen als ein Wirkmechanismus von Erzählen als Bewältigungshandeln im krankheits-bezogenen narrativen Interview verstanden werden kann. Im Erzählen können Selbstwert und Würde (wieder-)hergestellt und dargestellt werden und das erzählende Ich kann sich als handlungsfähig und autonom erleben.
In der abschließenden Diskussion werden die Ergebnisse mit linguistischen, medizin-soziologischen und rehabilitationspsychologischen Überlegungen in Verbindung gesetzt und Konsequenzen für Praktizierende im Gesundheitswesen aufgezeigt.

Publikationen

  • Haug, Stephanie (2015) Die Stimme des Arztes in den Erzählungen chronisch kranker Menschen. Eine Studie zur Nutzung von Redewiedergabe in krankheitsbezogenen narrativen Interviews. Online verfügbar unter: https://www.freidok.uni-freiburg.de/data/10291
  • Haug, Stephanie (2011) „… und dann hat die Ärztin gesagt …“ – Die Stimme des Arztes in den Krankheitserzählungen chronischer Schmerzpatienten. Eine qualitative Studie zur Positionierung des Arztes durch Reinszenierung. Online verfügbar unter: https://www.freidok.uni-freiburg.de/data/10297
  • Lucius-Hoene, Gabriele, Thiele, Ulrike, Breuning, Martina & Haug, Stephanie (2012) Doctors‘ voices in patients‘ narratives: coping with emotions in storytelling. In: Chronic illness 8 (3), 163-175.

Lehre

  • Wintersemester 2014/15: Seminar „Pädagogische Psychologie“ an der Katholischen Hochschule Freiburg
  • Sommersemester 2013 und 2014: Fachliche Begleitung des Kolloquiums für qualitative Bachelor- und Masterarbeiten in der Abteilung klinische Psychologie (Institut für Psychologie der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg)